Air France testet Flugrouten zur Vermeidung von Kondensstreifen

Air France hat auf rund 4.300 Nordatlantikflügen untersucht, wie sich klimawirksame Kondensstreifen durch gezielte Änderungen der Flugroute vermeiden lassen. 130 Flüge wurden im Rahmen des Versuchs tatsächlich umgeleitet. Die Tests sind Teil des europäischen Forschungsprojekts CICONIA.

Kondensstreifen gehören zu den sogenannten Nicht-CO₂-Effekten des Luftverkehrs. Während sich viele der weißen Streifen hinter einem Flugzeug bereits nach wenigen Minuten wieder auflösen, können sie unter bestimmten atmosphärischen Bedingungen über Stunden bestehen bleiben, sich ausbreiten und zusätzliche Zirrusbewölkung bilden. Diese hohen Eiswolken halten einen Teil der von der Erde abgegebenen Wärmestrahlung in der Atmosphäre zurück. Zwar reflektieren sie zugleich einen Teil der einfallenden Sonnenstrahlung, insgesamt überwiegt bei langlebigen Kondensstreifen und daraus entstehenden Zirren jedoch der erwärmende Effekt.

Air France hat nun im regulären Flugbetrieb untersucht, ob sich insbesondere solche langlebigen und klimawirksamen Kondensstreifen durch eine angepasste Flugplanung reduzieren lassen. Zwischen Februar und April 2026 wurden dafür knapp 4.300 kommerzielle Flüge über dem Nordatlantik betrachtet.

Kondensstreifen entstehen nicht überall

Ob ein langlebiger Kondensstreifen entsteht, hängt stark von den atmosphärischen Bedingungen in der jeweiligen Flughöhe ab. Besonders relevant sind kalte und zugleich sehr feuchte Luftschichten. Dort können die hinter dem Triebwerk entstehenden Eiskristalle bestehen bleiben und weiter wachsen.

Solche Bedingungen treten räumlich und zeitlich begrenzt auf. Für die Flugplanung ergibt sich daraus ein möglicher Ansatz: Kann eine besonders kritische Luftmasse zuverlässig vorhergesagt werden, lässt sie sich unter Umständen durch eine veränderte Flughöhe oder eine seitliche Anpassung der Flugroute umgehen.

Dabei geht es nicht darum, sämtliche Kondensstreifen zu verhindern. Im Mittelpunkt stehen jene Flüge und Atmosphärenbereiche, bei denen mit einer besonders hohen Klimawirkung zu rechnen ist.

130 Flüge tatsächlich umgeleitet

Air France arbeitete für den Versuch mit den französischen Unternehmen Estuaire und Klima zusammen. Auf Grundlage meteorologischer Daten wurden unter den knapp 4.300 untersuchten Flügen 245 Verbindungen identifiziert, für die ein vergleichsweise hohes Klimawirkungspotenzial angenommen wurde. Für diese Flüge berechneten die Beteiligten alternative Flugwege.

Bei 130 Flügen wurde die Route schließlich tatsächlich verändert. Air France wollte damit sowohl die zugrunde liegenden Vorhersagemodelle überprüfen als auch untersuchen, ob sich entsprechende Flugwegänderungen unter realen Bedingungen in den Langstreckenbetrieb integrieren lassen.

Die Ergebnisse zeigen, wie stark sich der Effekt auf einen vergleichsweise kleinen Teil der Flüge konzentrieren kann. Nach Angaben von Air France verursachten drei Prozent der betrachteten Flüge rund 25 Prozent der im Versuch berechneten Klimawirkung durch Kondensstreifen.

Über alle untersuchten Flüge hinweg reduzierte sich die mit Kondensstreifen verbundene Klimawirkung laut Air France um acht Prozent. Bei den tatsächlich umgeleiteten Flügen lag die Reduktion bei 57 Prozent. Für diese Flüge sank die insgesamt berechnete Klimawirkung einschließlich weiterer Effekte um 36 Prozent. Air France beziffert die vermiedene Klimawirkung auf ein CO₂-Äquivalent von rund 22.000 Tonnen.

Zusätzlicher Treibstoffverbrauch muss berücksichtigt werden

Eine alternative Flugroute ist jedoch nicht automatisch klimatisch günstiger. Eine größere Entfernung oder eine weniger effiziente Flughöhe kann den Treibstoffverbrauch erhöhen und damit zusätzliche CO₂-Emissionen verursachen.

Entscheidend ist deshalb die Gesamtbilanz: Der vermiedene Klimaeffekt eines langlebigen Kondensstreifens muss größer sein als mögliche zusätzliche Auswirkungen der geänderten Flugroute.

Genau an diesem Punkt setzt das europäische Forschungsprojekt CICONIA an. Das von Airbus koordinierte Projekt untersucht, wie sich die Nicht-CO₂-Wirkungen des Luftverkehrs besser erfassen und durch operative Maßnahmen reduzieren lassen. Dazu gehören verbesserte Wettervorhersagen, Modelle zur Bewertung der Klimawirkung sowie neue Betriebskonzepte für Fluggesellschaften und Flugsicherung. Ein weiterer Schwerpunkt sind reale Flugversuche zur Vermeidung besonders klimawirksamer Kondensstreifen.

CICONIA ist Teil des europäischen SESAR-Programms

CICONIA läuft innerhalb des europäischen Forschungsprogramms SESAR. Die SESAR 3 Joint Undertaking ist eine öffentlich-private Partnerschaft der Europäischen Union, Eurocontrol und Unternehmen sowie Organisationen aus der Luftfahrtbranche. Ihr Schwerpunkt liegt auf Forschung und Entwicklung für das europäische Flugverkehrsmanagement und den sogenannten Digital European Sky.

Das CICONIA-Projekt untersucht dabei nicht nur Kondensstreifen. Ziel ist ein Betriebskonzept, in dem Wetterdaten, Klimamodelle, Flugplanung und Air Traffic Management miteinander verknüpft werden können. Fluggesellschaften und Flugsicherung sollen dadurch perspektivisch bereits bei der Planung oder während eines Fluges erkennen können, ob eine alternative Flugbahn unter dem Strich klimatisch günstiger wäre.

Zu den Projektpartnern gehören neben Airbus und Air France unter anderem Eurocontrol, das Deutsche Zentrum für Luft- und Raumfahrt, Meteo-France, Boeing, NATS, Swiss sowie mehrere europäische Forschungsinstitute und Hochschulen. Das Projekt läuft seit Juli 2023 und befindet sich weiterhin in der Forschungsphase.

Noch kein Verfahren für den Regelbetrieb

Die Air-France-Flüge sind deshalb noch nicht als Einführung einer neuen Standard-Flugplanung zu verstehen. Die Airline bezeichnet das Programm ausdrücklich als Versuch und verfolgt einen „Test-and-Learn“-Ansatz. Auch innerhalb von CICONIA geht es zunächst darum, die technische und operative Machbarkeit solcher Maßnahmen nachzuweisen.

Hinzu kommt die Flugsicherung: Eine geplante Änderung von Route oder Flughöhe kann von einer Airline nicht unabhängig umgesetzt werden, sondern muss in das bestehende Air-Traffic-Management integriert und von den zuständigen Stellen freigegeben werden.

Die Versuche zeigen allerdings, warum die gezielte Vermeidung langlebiger Kondensstreifen inzwischen verstärkt untersucht wird. Wenn sich die besonders klimawirksamen Atmosphärenbereiche zuverlässig vorhersagen lassen und nur ein relativ kleiner Anteil der Flüge angepasst werden muss, könnten operative Änderungen der Flugbahn künftig eine zusätzliche Möglichkeit darstellen, die Klimawirkung des Luftverkehrs zu reduzieren.

Bild: DLR / CC BY 3.0

Über Moritz Nolte 43 Artikel
Moritz Nolte ist Wirtschaftsingenieur, Journalist und Kommunikationsexperte und beschäftigt sich seit rund 20 Jahren mit Technik, Industrie und Mobilität. Seine Arbeit verbindet technisches Verständnis mit journalistischer Aufbereitung komplexer Themen. Im Verlauf seiner beruflichen Arbeit hat er sich intensiv mit Technologien aus der Automobilindustrie, dem Maschinenbau und zunehmend auch der Luftfahrt beschäftigt. Dabei liegt sein Schwerpunkt auf der verständlichen Einordnung technischer Entwicklungen, neuer Produkte, Fertigungsverfahren und industrieller Zusammenhänge.